Gespräch mit Reiner Frommer

Reisen Holzfäller Waldbauern Natur Die Zeit danach

Reisen

Jürgen Schielke: Du bist noch jung in den hohen Norden gereist. Damals – wie alt warst du eigentlich? – lag Finnland enorm weit weg. Flüge waren unbezahlbar und mit Zug und Schiff brauchte man drei Tage und drei Nächte. Weißt du noch, warum du aufgebrochen bist?

Reiner Frommer: Ich war 23. Nach Finnland wollte ich ursprünglich nicht, sondern nur bis Schweden, wo ich mal mit einem Freund im VW-Käfer gewesen war. Ich bin mit dem Zug nach Südschweden, dann per Anhalter die E4 hinauf nach Stockholm. Im Hafen bei der Gamla Stan habe ich auf der af Chapman übernachtet ...

Jürgen Schielke: ... auf dem historischen Segelschiff, der schwimmenden Jugendherberge, die alle kannten, die damals in den Norden getrampt sind.

Reiner Frommer: Ja, der Großsegler liegt noch heute dort. Im Hafen trafen täglich kleine, altmodische Dampfer aus Turku und Helsinki ein und ich wurde neugierig. Von Finnland wusste ich nur, dass es dort Wälder und sehr viele Seen gibt. Und ich hatte von der Sauna und den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki gehört.

Jürgen Schielke: Viel mehr wusste ich auch nicht. Ich fand übrigens die letzte Etappe übers Meer sehr spannend. Zuerst erblickte man einige Felsknubbel, darauf folgten unzählige kleine und große, bewaldete Inseln. Stunden später im kleinen Hafen war es, als würde man einen fremden Kontinent betreten. Als ich an Land ging und nicht wusste wohin, sprach mich wie selbstverständlich ein Mädchen an und fragte, ob sie weiterhelfen konnte. War es bei dir ähnlich?

Reiner Frommer: Bei mir hat sich dieses Gefühl schon vorher eingestellt, auf dem Schiff, wo ich die Kajüte mit einem Jungen geteilt habe, der höchstens acht oder neun Jahre alt war. Er lächelte schweigsam und reiste ganz allein, und mich hat beeindruckt, wie er sich da an Bord selbstständig überall hin bewegte. Helsinki wirkte verglichen mit Stockholm dann pittoresk und fast russisch – ich war für derlei empfänglich, weil ich gern russische Literatur las. In einem Studentenheim habe ich später einen anderen jungen Tramper kennengelernt. Er hatte im kurzen Sommer auf den großen Seen auf einem Holzschlepper gejobbt und viel erlebt. Also wollte ich weiter hinauf in den Norden und sehen, wie die Leute dort leben. Und ich wollte photographieren. Schweden erschien mir plötzlich zu glatt, zu sauber, zu spießig. Finnland war anders, allein schon die Sprache war faszinierend.

Jürgen Schielke: Kann es sein, dass dieser erste Eindruck, dieses spezielle »Finnland-Gefühl«, deine weiteren Schritte, deine Wahrnehmung gelenkt hat?

Reiner Frommer: Ja, mag sein. Aber ich denke, zuerst ging es mehr um mich. Ich war innerlich aufgewühlt. Ich hatte in der Photographie mein Ausdrucksmittel gefunden, doch kein Ziel, weil ich keine Maßstäbe akzeptieren wollte. Ich wollte frei und unabhängig sein. Bloß wusste ich nicht, dass Freiheit illusorisch ist und dass man, um unabhängig zu sein, hart arbeiten muss – was allerdings Ehrgeiz erfordert, den ich nie besessen habe. Und wiederum nur bloße Erwartungen erfüllen, die man an mich stellte – gleich ob Ästhetik oder Karriere –, das war, wusste ich, auch nicht der Sinn meines Daseins auf dieser Welt. Jetzt bin ich heilfroh, dass ich so instinktiv gehandelt habe.

Info: Sehnsucht nach Freiheit



Holzfäller

Jürgen Schielke: Und der Kontakt zu den Holzfällern? Wie ist er entstanden?

Reiner Frommer: Ich blieb erst mal in Helsinki, besuchte verschiedene Redaktionen und verkaufte Photos an zwei Illustrierte, die auch publiziert wurden, experimentelle und humoristische Aufnahmen.

Die Forstbehörde hat mich schließlich nach Lappland geschickt, nach Rovaniemi an den Polarkreis, wo ich mich zu Beginn der Saison Mitte November melden sollte.

Jürgen Schielke: Fast tausend Kilometer nach Norden. Wieder per Anhalter?

Reiner Frommer: Ja. Beim Trampen lernte man spielend leicht Menschen kennen. Mitte Oktober bin ich los. Auf halbem Weg ging ich in Kuopio, das liegt auf der Seenplatte, zur Touristeninformation. Dort hat mir ein älterer Herr, der perfekt Deutsch sprach, vorgeschlagen, ich könnte doch mietfrei für einige Zeit in einem Ferienhaus wohnen, das einem Geschäftsmann gehörte. Einzige Bedingung: Am Wochenende kam der Mann, um mit mir sein Deutsch zu perfektionieren. Also bin ich drei Wochen geblieben und habe dort Seen und Wälder und diese große Stille erlebt, die untrennbar dazu gehört. Die Enge Deutschlands fiel ab, mein Kopf war frei und ich fand Gefallen daran, mit mir allein zu sein. Auf der Seenplatte habe ich dann auch die ersten wirklichen Finnen kennengelernt, keine exaltierten Hauptstädter, sondern zum Beispiel diesen Mann mit Baskenmütze, den ich beim Fischen photographiert habe. Er war Fischer, Taxifahrer und Dorfkaufmann in einer Person.

Jürgen Schielke: Und hatte vielleicht auch mal als Holzfäller gearbeitet, man war aus schierer Notwendigkeit sehr vielseitig. Bevor wir dieses Kapitel anpacken, eine Zwischenfrage: Mir fällt auf, du hast bis jetzt mit keinem Wort Design und Architektur erwähnt, also Gegenständliches, das, wofür Finnland zu jener Zeit in der Welt berühmt war. Damals zeigten Photoreportagen neben den »Tausend Seen« die weiße Architektur von Alvar Aalto oder seine formschönen Möbel. Ikea hat diese Design-Philosophie ja später kommerziell sehr erfolgreich umgesetzt.

Reiner Frommer: Nein, zu dieser Zeit haben mich diese Dinge nicht sonderlich interessiert. Ich wollte Menschen photographieren, ich wollte unter ihnen sein in dieser strengen Natur; nicht nur sehen, sondern mittendrin sein, mitarbeiten, mitfühlen, aus ihrer Mitte heraus photographieren. Mir wurde erst später klar, was ich da gemacht habe, dieses instinktiv aus dem Leben heraus photographieren.

Jürgen Schielke: Und das geschah in Lappland, zuerst im Winter 1961/62, dann nochmal im folgenden Sommer ...

Reiner Frommer: Ja. Mitte November bin ich nach Rovaniemi getrampt, wo ich mich in der Niederlassung der Forstbehörde gemeldet habe. Dort hat man mir drei verschiedene Holzfällercamps genannt.

Jürgen Schielke: Wo lagen diese Camps?

Info: Holzfällercamps

Reiner Frommer: Das erste Camp lag nordwestlich von Rovaniemi am Ounasjoki, einem größeren, zugefrorenen Fluss, auf dem die gefällten Stämme gelagert wurden. Mitten im Wald standen mehrere Gebäude, alle aus Blockstämmen errichtet: einige für Pferde und Geräte und die Sauna und ein großes Blockhaus, in dem zwanzig, fünfundzwanzig Personen wohnten. Es besaß einen Mannschaftsraum mit vielen Pritschen, eine Küche, ein Büro und einige kleinere Zimmer, darunter ein Gästezimmer, in dem ich gewohnt habe.

Jürgen Schielke: Holzfällercamps gab es seit dem späten 19. Jahrhundert, seit Sägewerke und Papierfabriken entstanden waren. Zeitweise lebten mehr als Tausend Männer in einem einzigen Camp. Als du in Lappland eingetroffen bist, ging ihre Zeit zu Ende.

Reiner Frommer: Ja, einige Arbeiten wurden bereits maschinell durchgeführt. Die meisten Männer besaßen schon eigene Motorsägen, klobige, extrem schwere, stinkende Maschinen. Daher gab es sie noch Gehilfen, die mit einer Axt die Äste kappen mussten.

Jürgen Schielke: Wer lebte sonst noch im Camp?

Reiner Frommer: Im Mannschaftsraum schliefen neben den Holzfällern und ihren Gehilfen auch alle Pferdeführer, meist Waldbauern aus der Umgebung, ferner ein oder zwei Traktorfahrer, jüngere Bauernsöhne. Dann gab es den »Ukkoherra«, den »Gottvater«, ein Förster, der das Camp leitete. Die Holzvermesser, die das geschlagene Holz kontrollierten, wechselten öfter; sie wurden von der Papierfabrik oder vom Sägewerk geschickt. Ein Buchhalter hat schließlich die Akkordlöhne abgerechnet und zwei Köchinnen haben Morgen- und Abendkaffee und zweimal täglich warme Mahlzeiten zubereitet.

Jürgen Schielke: Am Ounasjoki herrschte tiefer Winter. Kälte und Dunkelheit am Polarkreis sind eine unglaublich strapaziöse Erfahrung, ich glaube, weil der Körper extrem gefordert wird. Er muss Wärme produzieren und man hat ständig einen Riesenhunger. Oder man nickt ein, sobald man ins Warme kommt und sich hinsetzt. Synthetische Daunenjacken und Polar-Boots waren noch nicht erfunden. Hat dir die Kälte etwas ausgemacht?

Reiner Frommer: Nicht, nachdem ich mir lange Unterhosen, Wollsocken und Filzstiefel zugelegt hatte. Später in Sattasvaara, dem zweiten Camp noch weiter nördlich, musste ich noch halbhohe, lederne Skischuhe kaufen, weil man auf Skiern zu den Einschlägen gelaufen ist, morgens im Dunkeln fünf, sechs Kilometer. Das Tageslicht reichte dann für fünf Stunden Arbeit, mit eingeschlossen eine Kaffeepause am Lagerfeuer. Im dritten Camp, das weit oben im Norden am Inari-See lag, wurde an extrem kalten Tagen nur zwei Stunden gearbeitet, freiwillig, denn bei -35º Grad musste niemand hinaus aus der Blockhütte. Aber man erhielt ja keinen Monatslohn, sondern wurde nach der Holzmenge bezahlt. Für Ausrüstung und Essen mussten die Männer übrigens selber aufkommen.

Jürgen Schielke: Die Holzfällerei war damals der härteste Job der Welt, nur Hochseefischerei und Bergbau konnten mithalten. Man stand hüfthoch im Schnee, musste einen Baumstamm frei schaufeln und dann tief unten eine Motorsäge ansetzen, die gut und gern zwölf Kilo wog. Hast du selber mit angefasst?

Reiner Frommer: Nur stundenweise als Gehilfe, um mein Essen zu verdienen. Aber ich hatte die Lektion rasch begriffen: wie doppelt hart diese Arbeit bei extremer Kälte ist und wie schlecht sie bezahlt wurde. Die Pferdeführer hatten es auch nicht leichter. Sie mussten mit einem Gehilfen die Stämme einzeln auf einen Schlitten wuchten und zum weiter entfernten Fluss transportieren, wo die Holzstapel dann auf dem Eis liegen blieben, bis es im Mai geschmolzen ist.

Ich konnte nach einiger Zeit die Pferdeführer, wenn sie durch den verschneiten Wald fuhren, am Klang der Glocke auf dem Kummet unterscheiden.

Jürgen Schielke: Du warst ein Fremder, ein Photograph. Du konntest die Sprache nicht und warst auch sonst recht anders. Was glaubst du, wie haben die Männer dich gesehen? Haben sie dich ernst genommen?

Reiner Frommer: Sie hat es eher belustigt, dass da ein Deutscher zu ihnen kam, um sie zu photographieren. Sie haben mich »kuvamies«, Bildermann, gerufen. Die Sprachbarriere war anfangs hinderlich, andererseits gab es viel zu lachen. Im Finnischen liegen unterschiedliche Wörter eng beieinander und deshalb kommt es leicht zu Missverständnissen. Einmal wollte ich abends im Camp erzählen, dass ich an diesem Tag sieben Pferde gezählt hatte. Aber statt »näin« für »sehen« sagte ich »Nain seitsemän hevosta«, »Ich habe sieben Pferde gebumst«. Die Folge war dröhnendes Gelächter. Trotzdem: Die Männer waren immer freundlich und an jedem Lagerfeuer gab es für mich Kaffee und diese salzigen finnischen Kringel, die man in die Kaffeetasse stippt. Da führte kein Weg dran vorbei. Im Camp habe ich Kaffee trinken gelernt, morgens, mittags, abends, nachts. Nein, sie haben mich nicht ernst genommen.

Jürgen Schielke: Gab es im Camp auch harte Sachen?

Reiner Frommer: Jedes Camp hatte einen Laden, der abends zwei Stunden öffnete. Da bekam man die nötigsten Dinge, auch Bier für die Sauna, »Lapin Tumma Olut« mit 2,5 % Alkohol. Ob im Camp aber harte Sachen getrunken wurden, hing davon ab, ob sich der Ukkoherra Respekt verschaffen konnte. Gewöhnlich fuhren alle Samstagnachmittag per Taxi in den nächsten Ort und ließen sich volllaufen. Einmal habe ich erlebt, wie sie im Camp feierten. Der Forsttechniker und die Köchinnen verabschiedeten sich am zweiten Tag. Das Saufen, Kartenspielen und Streiten dauerte insgesamt vier Tage, bis selbst das Kölnisch Wasser der Köchinnen ausgetrunken war. Ich habe mir die Zeit mit Langlauf vertrieben und das benachbarte Camp besucht. Da kochte ein süßes Mädchen, das mir auf Deutsch »Ich liebe dich« ins Ohr geflüstert hat.

Jürgen Schielke: Das war, wie gesagt, im Winter 1961/62. Das Genre der klassischen Photoreportage erlebte damals seine Blüte. Erschienen sind solche Reportagen in der amerikanischen Zeitschrift LIFE oder im STERN. Deine Aufnahmen haben jedoch wenig von deren Dramatik, man entdeckt beispielsweise keine gängigen Attribute, die einen Holzfäller sonst auszeichnen, höchstens ihre karierten Hemden. Die Männer, die du photographiert hast, wirken nicht wie echte, harte Kerle, sondern schauen lieb und nett oder verkatert wie nach dem Saufgelage. Wolltest du bewusst Kategorien vermeiden?

Reiner Frommer: Kategorien oder besser Moden, finde ich, verfälschen die Wirklichkeit, die Realität. Wenn ich Menschen photographiere, interessiert mich weniger, was sie tun, als was sie sind: ihr Wesen, ihre Seele, ihr Geist, das, was ihre Persönlichkeit auszeichnet. Sie besitzen eine Ausstrahlung, die von ihrer Umwelt geprägt wird. Danach suche ich und wenn ich diese Ausstrahlung entdecke, photographiere ich. Ich möchte, dass man den ganzen Menschen wahrnimmt, als Ganzheit.



Waldbauern

Jürgen Schielke: Ein gewagter Anspruch. Aber ich glaube, ich weiß, was du meinst... Du hast im nächsten Sommer nochmal ein Holzfällercamp aufgesucht.

Reiner Frommer: Ja, vorher war ich in Deutschland, um die Dunkelkammerarbeit zu erledigen. Aber auch nach diesem Sommer habe ich nicht im Traum daran gedacht, eine Reportage zusammen zu stellen. Mir fehlte die Intuition, vielleicht auch der Ehrgeiz. Einzelne Photos habe ich an finnische Illustrierte verkauft und an McCulloch in Kalifornien, ein Unternehmen, das damals die besten Motorsägen der Welt herstellte.

Jürgen Schielke: »Nicht genügend Intuition« und »fehlenden Ehrgeiz« kann man auch als instinktives Desinteresse interpretieren, was, finde ich, sehr stark mit künstlerischer Freiheit zu tun hat. Was mir noch auffällt: Du bist im hohen Norden zielsicher auf eine andere exemplarische Gruppe zugesteuert. Knapp südlich vom Polarkreis ist ein Photo entstanden, das mich sehr beeindruckt hat: eine Waldbauernfamilie, aufgenommen in ihrer schummrigen Hütte; die Eltern zahnlos und verbraucht, während ihre blonden Kinder offen in die Kamera lächeln.

Info: Das Blockhaus

Reiner Frommer: Ich hatte vorher »Kala-Eemeli« kennengelernt, den Waldläufer mit schmauchender Pfeife und Hund. Er hauste tief im Wald in einer Hütte, die er selber gezimmert hatte. Die Familie waren seine nächsten Nachbarn, sie wohnten direkt an der Landstraße.

Jürgen Schielke: Hatten Sie einen Neusiedlerhof?

Reiner Frommer: Ich weiß es nicht, ich wusste damals nichts von Neusiedlerhöfen. Aber das Bauernhaus war roh gezimmert und hatte noch keine Patina angesetzt; die Äcker drumherum sahen aus, als hätte man sie frisch aus dem Wald gerodet. Die Eltern wirken so verbraucht, weil sie mehr Kinder hatten als nur die vier auf dem Photo. Sie haben sich abgerackert und lebten trotzdem immer von der Hand in den Mund. Außerdem hat der Bauer gesoffen, meistens mit Kala-Eemeli. Den Waldläufer hat die Bäuerin deshalb »Saatanan suutari«, »verdammter Schuster«, geschimpft.

Jürgen Schielke: Weil er mal in Lappland von Haus zu Haus gewandert war und Schuhe geflickt hatte. Als du ihn besucht hast, war er Fischer und beim Fischen ist er ertrunken, im Herbst 1966, als das Eis dünn war und er es nicht aus dem eiskalten Wasser geschafft hat ... Damit schließt der erste Abschnitt deiner Schwarz-Weiß-Photos und es folgt eine kleine Serie aus Farbaufnahmen. Sie sind, finde ich, versöhnlicher und außerdem größtenteils in einer anderen Region Finnlands entstanden, weiter südlich in Karelien dicht an der russischen Grenze. Eine urige Gegend, wo Bären und Wölfe leben, ein Eldorado für Tierfilmer und -Photographen. Aber dich haben wieder die Menschen angezogen.

Reiner Frommer: Irgendwie ja. Ich war vorher schon mal kurz da und bin 1965 nochmal mit dem Fahrrad von Helsinki aus nach Karelien gefahren. Ich habe bei Bauern im Heu übernachtet, und die Menschen waren immer herzlich, offen und gastfreundlich. Mich haben sie, das sieht man sicher, verzaubert. In Ilomantsi, das ist der größte Ort, bin ich in eine Buchhandlung gegangen, weil ich mehr über die Gegend wissen wollte. Dort habe ich Maikku kennengelernt, die aus Möhkö stammte. Sie hat mich überredet, zu ihrer Familie an die Grenze zu fahren.

Jürgen Schielke: Die kleineren Straßen waren damals noch nicht asphaltiert, sie schlängelten sich um jeden Findling herum durch den Wald, zwanzig, dreißig, fünfzig Kilometer weit. Die Familie wohnte aber schon komfortabler.

Reiner Frommer: Ja. Das Haus sah aus wie alle heutigen skandinavischen Holzhäuser. Elektrisches Licht gab es auch schon, mit Holz wurde noch gekocht, gebacken und geheizt, unten in der Stube. Die Eltern hießen Mikko und Iida. Zwei Kinder lebten noch daheim.

Jürgen Schielke: Und der Hof?

Reiner Frommer: Ein Pferd, eine Kuh, wenige Schafe, etwas Land für Kartoffeln und Hafer. Mikko, der Vater, war im Winter Pferdeführer und im Sommer hat er geflößt.

Eino, der älteste Junge, hat die gleiche Arbeit gemacht. Das zweitälteste Kind war Maikku aus der Buchhandlung, sie war mit einem einen Elektriker verheiratet und besaß zwei kleine Buben. Dann gab es Mikko, der wie sein Vater hieß und später ebenfalls Flößer wurde, ferner Martti, einen behinderten, ganz lieben Jungen. Der Jüngste hieß Heikki. Iida, die Mutter, war die fleißigste, bescheidenste, freundlichste, glücklichste und größte Persönlichkeit, die ich in Finnland kennengelernt habe. Sie hatte viel von den Leuten dort, vom Menschenschlag der Karelier: das Temperament, eine ausgeprägte Gesprächigkeit, ein fröhliches Wesen, die Naturverbundenheit.



Natur

Jürgen Schielke: Ähnlich wie in Lappland mussten die Menschen später fortziehen, weil die kleinen Höfe niemanden wirklich ernährten. Und Holzfäller, Pferdeführer und Flößer wurden durch Maschinen ersetzt. Viele, sehr viele gingen als Gastarbeiter nach Schweden. Weißt du, was aus Iida, ihrem Mann und den Kindern geworden ist?

Reiner Frommer: Ja, ich habe sie später einmal mit meiner eigenen Familie besucht. Maikku hatte sich scheiden lassen und war mit ihren Buben in den Süden nach Tampere gezogen. Auch Mikko, der mittlere Sohn, ist dorthin; er wurde nicht weit von ihr Brandmeister bei der Feuerwehr. Der Älteste hatte das Pferdefuhrwerk gegen einen Forsttraktor getauscht, der aber nicht ihm, sondern der Papierfabrik gehörte. Der Jüngste ist zum Grenzschutz gegangen.

Jürgen Schielke: Immerhin sind alle im Land geblieben und nicht in die Autofabriken nach Südschweden oder um Krankenschwester in Stockholm zu werden. Es war ein dramatischer Einschnitt in der jüngeren finnischen Geschichte. Man glaubt in diesem Abschnitt deiner Photos, die nun wieder in Schwarz-Weiß sind und Seen und Wälder zeigen, die Zeitenwende zu erkennen, eine große Einsamkeit. Mit Absicht?

Reiner Frommer: Nein, auf keinen Fall. Sondern weil die Natur diese Menschen geformt hat. Auf mich selbst hat das alles zunächst sehr exotisch gewirkt: verschneite Märchenwälder, die unzähligen Baumstämme auf zugefrorenen Flüssen. Andererseits war die Landschaft undramatisch flach und weit, und Weite und Stille haben mir ein Gefühl der Freiheit vermittelt, das ich bis dahin nicht kannte. Ich hatte vorher eine romantisch liebliche Auffassung von Natur. Das hat sich relativiert. Ich bin ein schärferer Beobachter geworden, ich sehe Menschen und Natur heute in einem anderen Licht.

Jürgen Schielke: Also kein romantischer Blick mehr auf eine imposante Naturkulisse à la Caspar David Friedrich, ein heiliges Bergpanorama oder einen geheimnisvollen Rotkäppchen-Wald? Sondern mehr die Liebe zum Detail, wie in Finnland üblich, zum Rotkehlchen und warum ausgerechnet ein so kleiner Vogel so schön singt? Kann es sein, dass die »undramatische Landschaft« ihre Bewohner zwingt, sich auf Spurensuche zu begeben?

Reiner Frommer: Ja, ich habe das immer wieder beobachtet, früher allerdings häufiger. Man zieht sich in die Natur zurück, sitzt an einem See oder sammelt im Wald Beeren und Pilze. Man entspannt sich in der Stille. Auch, um mit sich ins Reine zu kommen, also eine Spurensuche nach dem eigenen Ich. Mich hat das alles anfangs geschockt, bis ich allmählich begriffen habe. Die Stille in dieser Natur photographisch abzubilden, war logisch der nächste Schritt.

Jürgen Schielke: Diese Stille ist so groß, dass man an windstillen Tagen, wenn man selber still steht, sein Herz laut schlagen und sein Blut in den Ohren rauschen hört, sonst nichts. Auf deinen Farbphotos kann man das nachempfinden. Ansonsten aber reduziert sich Stille respektive Natur bei dir auf ganz wenige Elemente in Schwarz-Weiß, beispielsweise eine große Wasserfläche und dahinter einen Strich von Wald, eine graue Linie.

Info: Auf dem Holzweg

Birgt dieses gewandelte Naturverständnis nicht die Gefahr in sich, dass man allein bleibt? Auch als Photograph? Denk nur an jemanden, der nie solche Erfahrungen gemacht hat und nun dein schwarz-weißes Seepanorama betrachtet. Warum gehst du hier keine Kompromisse ein?

Reiner Frommer: Bei Schwarz-Weiß gehe ich nie Kompromisse ein. Ich konstruiere nicht, sondern ich gestalte und zwar so, dass ein Betrachter, wenn er genau hinschaut, es nachvollziehen kann und dadurch mehr sieht. Denn letztendlich geht in der Photographie alles auf das Sehen zurück. Schwarz-weiße Photos sind anspruchsvoll, weil abstrakt, und wer sie anschaut, hat per se Interesse und wird sich daher am Sehen beteiligen. Meine Farbaufnahmen sind schon eher ein Kompromiss: stimmungsvoll, pittoresk. Sie verlangen der Phantasie weniger ab, da sie aufgrund ihrer Farbigkeit realitätsnäher wirken.



Die Zeit danach

Jürgen Schielke: Deine Photoserie schließt im Süden ab, in Helsinki und an der Küste. Auch hat ein Zeitensprung stattgefunden, die Kinder der Waldbauern sind zwanzig, dreißig Jahre später im Techno-Zeitalter angekommen. Aber eigentlich haben sie sich nicht besonders verändert. Sie besitzen noch immer den gleichen freundlichen Gesichtsausdruck wie ihre Eltern und Großeltern, die Holzfäller und Waldbauern. Hat dich die Begegnung mit diesen Menschen verändert?

Reiner Frommer: Ja. Indem ich verstanden habe, dass ein naturverbundenes, einfaches Leben kein romantisches Klischee ist, sondern durchaus glücklich machen kann. »Naturverbunden« heißt insofern, sich selber als Teil der Natur zu verstehen und »einfaches Leben« meint halt Bescheidenheit in den Ansprüchen. In Finnland hat sich bis heute nichts daran geändert. Natürlich sind alle materialistischer geworden, aber es gibt immer diese Rückzugsmöglichkeit, beispielsweise ziehen heute junge Familien aus den Städten im Süden zurück aufs Land.

Jürgen Schielke: Manchmal bis nach Karelien oder Lappland, wo man inzwischen wieder ein Auskommen findet... Mir ist aufgefallen, deine Photos zeichnen ein bestimmtes Menschenbild, interessanterweise die Schwarz-Weiß-Aufnahmen, eine Technik, die ja sonst sozialkritisch oder für dramatische Reportagen eingesetzt wurde. Deine Porträts zeigen zwar einen sehr strapaziösen Alltag, aber alle Personen wirken lebensbejahend und aufgeschlossen. Würdest du so auch in Frankfurt oder Berlin photographieren?

Reiner Frommer: Heute könnte ich überall so photographieren. Damals brauchte ich die karge Exotik, um mit mir selbst ins Reine zu kommen. Hätte ich in Frankfurt photographisch gearbeitet, wäre ich ziemlich sicher in der Werbephotographie gelandet und das wäre für meine persönliche Entwicklung fatal gewesen. Wie gesagt, intuitiv habe ich mich richtig entschieden.

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