Freiheit

Finnland war 1961 ein einziges großes Abenteuer. Die Reisekasse war knapp und man reiste gewöhnlich per Anhalter, was bis Kopenhagen rascher ging, als hätte man den Zug genommen. Aber dann in Hälsingborg, der ersten schwedischen Stadt! Gleich hinter ihren letzten Häusern, wo die E4 begann, reihten sich junge Leute aus vielen westeuropäischen Ländern und manchmal auch Amerikaner oder Australier, neben sich große Rucksäcke. Man grüßte, fragte nach Woher und Wohin und stellte sich gemäß ungeschriebenen Gesetzen ganz hinten an. Und stand und wartete Stunden, wenn nicht einen ganzen Tag, ehe man vorgerückt war und ein Volvo Amazon oder ein heute vorsintflutlich wirkender Lastwagen mit langer Schnauze hielt. Trampen in Schweden war, das erzählte man sich an europäischen Überlandstraßen, enorm schwierig, eine Qual.

Wie anders dann in Finnland! Kaum vom Fährschiff herunter, fragten Passanten oder Autofahrer schon, ob sie weiterhelfen konnten. Man wurde spontan an eine Ausfallstraße gebracht oder durfte mitreisen, eingezwängt auf dem Rücksitz zwischen blonden, immer schüchternen Kindern. Später lernte man so finnische Ferienhäuser kennen und die Sauna, musste zum Essen bleiben und wurde anschließend wieder an die Landstraße gebracht. Wenn man nicht gleich eine längere Pause an einem stillen See einlegte.

Sprach sich diese großartige Gastfreundschaft in Europa herum? Finnland zog in jenen Jahren manchen Rucksacktouristen an und viele, viele folgten, einige aus purer Neugier, andere angelockt von einer besonderen Aura, die das »Land der tausend Seen« damals umgab. Ihren symbolträchtigen Kern bildeten die große Weite und eine urwüchsige Natur, den Strahlenkranz formten ein aufregend modernes Design und eine fesselnde Architektur, produziert von Designern wie Kaj Franck und Architekten wie Alvar Aalto. Spätestens in Finnland erfuhr man auch von Paavo Nurmis legendären Leichtathletik-Siegen oder dass finnische Frauen als erste in Europa wählen durften.

Schweden genoss gleichfalls einen modernen Ruf, u.a. durch Ingmar Bergmans beindruckend künstlerische Filme. Bei Rucksacktouristen hinterließ das Nachbarland trotzdem einen zwiespältigen Eindruck, begegnete man doch viel zu oft befremdeten Blicken aus vorbeihuschenden Volvos. Finnland und seine Menschen hingegen waren unkompliziert und verstärkten das Lebensgefühl jener Zeit. In einer hellen Sommernacht, wenn man über einsame Straßen inmitten von Wäldern und Seen rollte, neben sich einen Fahrer, der melancholische Tangos summte, glaubte man sich unendlich frei. Heute scheint diese gefühlte Freiheit ein Vorgriff auf den großen Aufbruch der Jugend am Ende der Sechziger Jahre. Nicht grundlos, denn Land und Leute am nördlichen Ufer der Ostsee befanden sich frühzeitig in großer Bewegung.