Holzfällercamps

Wenn man von Helsinki zum Polarkreis startet, wirken die berühmten Seen und Wälder nach einigen Hundert Kilometern eintönig und ermüdend. Schaut man genauer hin, erschließen sich aber kleine, interessante Unterschiede: Auf die liebliche mittelfinnische Seenplatte folgt ein hügeliger Landstrich mit einsam gelegenen Bauernhäusern. Sie stehen stets auf Hügelkuppen, weil es unten im Tal selbst im Juni noch frieren kann. (Kaltluft sackt nach unten.) Oder man sieht gertenschlanke Fichten, deren Äste sich an den Stamm schmiegen, als müssten sie selbst im Hochsommer große Schneelasten abschütteln. Am Polarkreis schießen schließlich gleich Angsttrieben bleistiftdürre Baumwipfel in den Himmel, deutlich zu erkennen auf einigen hier abgebildeten Photos.

Der deutsche Forstrat Edmund von Berg, er leitete einst die Forstakademie im sächsischen Tharandt, kannte solche Feinheiten der »borealen Nadelwaldzone«, wie man die an Arten armen, aber dichten Wälder in Skandinavien, Russland und Kanada bezeichnet. 1858, vor gut anderthalb Jahrhunderten, bereiste er Finnland auf der gleichen Route und gelangte bis an die arktische Baumgrenze in Lappland. Anschließend verfasste er im Auftrag des finnischen Senats ein Gutachten über den Zustand der Wälder. Sein Urteil war vernichtend: »Ich habe mit großen Erwartungen die finnischen Forsten nicht betreten, aber so unbeschreiblich große Verwüstungen habe ich nicht zu finden erwartet. [...] Der Finne lebt größtenteils im und vom Walde und er schlachtet – wie die Frau in der Fabel – in seinem Unverstande und seiner Habsucht die Henne, welche ihm die goldenen Eier legt.«

Verursacht hatten diese »Verwüstungen«, heute würde man von großflächigen Kahlschlägen sprechen, Bauern und Köhler. Landlose Bauern brannten einen Wald nieder, säten in der Asche Getreide aus und zogen, da der Boden rasch ausgelaugt war, weiter. Köhler wiederum fällten Wälder und produzierten daraus Holzteer, eine zähe, braun-schwarze Masse, wasserabweisend und mit antiseptischen Eigenschaften ausgestattet. In Fässern wurde der Holzteer nach England und Holland verschifft und dichtete dort hölzerne Schiffsrümpfe ab, ganze Segler-Flotten, mit welchen beide Nationen lange die Weltmeere beherrschten.

Edmund von Bergs finnische Auftraggeber hatten manches, was er in seinem Gutachten vorschlug, schon angedacht. Sie brauchten sein gewichtiges Gutachten, um ihren damaligen Landesherrn, den russischen Zaren, zu überzeugen. Seither ging die Waldvernichtung stetig zurück. Visionär hatte von Berg eine »nachhaltige Nutzung« propagiert, so dass sich der Wald allmählich regenerierte. Eine weitere Empfehlung lautete, anders als in deutschen Forsten die örtliche Bevölkerung mit einzubeziehen. So wurden viele landlose Bauern zu Waldbesitzern und ihre Söhne besuchten vielleicht die frisch gegründete finnische Forstakademie. Andere verdingten sich in den Wintermonaten als Holzfäller. Auch Köhlers Nachfahren, denn Segelschiffe wurden bald durch eiserne Dampfschiffe ersetzt.

Eine Generation weiter existierte eine florierende Holz- und Papierindustrie. Sie wuchs auch nach der Unabhängigkeit (1917) und es folgte die Blütezeit der Holzfällercamps. In großen Waldgebieten entstanden ganze Blockhausdörfer, wo monatelang Hunderte Holzfäller und Pferdeführer lebten. Gefällt und entästet wurde im langen Winter, und zur Schneeschmelze im Mai verwandelten sich die Männer in Flößer. Über Bäche und Flüsse, manchmal auch auf eigens verlegten Eisenbahngleisen, wurden die Baumstämme an die großen Seen oder ans Meer transportiert. Dort, zu langen Flößen gebündelt, beförderte sie ein Dampfschlepper weiter zur Papierfabrik. Die Männer aber kehrten nach entbehrungsreichen Monaten mit mehr oder minder dicken Brieftaschen zu ihren Familien und auf ihre Bauernhöfe zurück. Sofern sie nicht auf die Landstraße mussten, denn der »Gold-Rush« in den Wäldern hatte zahllose Wanderarbeiter hervorgebracht. In Filmen, Schlagern und Romanen wurden und werden sie als raue, aufrechte Kerle glorifiziert.

Literatur:
Edmund von Berg: Kertomus Suomenmaan metsistä 1859. Reprint, Helsinki 1991
Berg, Freiherr von: Die Wälder in Finnland. In: Jahrbuch der Königlich sächsischen Akademie für Forst- und Landwirthe zu Tharand – (Dreizehnter Band. – Neue Folge. Sechster Band 1859). Leipzig 1859