Das Blockhaus

Mythen entstehen gewöhnlich erst dann, wenn das Ereignis, von dem sie handeln, längst vorüber und beinahe vergessen ist. So auch ein finnischer Mythos, der bis in unsere Zeit zur Identitätsstiftung beigetragen hat. Er rankt sich um jene Bauern und Köhler, die in die großen Wälder vordrangen und sie urbar machten, nicht jedoch um den »Ur-Wald«, den sie vernichteten. Ein Mythos muss zwangsläufig beschönigen.

Als 1949 der spätere langjährige Präsident Kekkonen noch erfolglos kandidierte, manipulierten seine Wahlkämpfer übereifrig ein Familienfoto. Es zeigte sein Geburtshaus, eine schlichte Blockhütte. Sie retuschierten ihren Schornstein fort, da in früheren Zeiten der Rauch durch ein Loch im Dach abzog. Auch dieser Kekkonen also ein Pionier in den Wäldern, aufgewachsen in ärmlichen Verhältnissen, lautete die Botschaft.

Das kleine Detail, rasch entlarvt, steht am Beginn einer interessanten Spur. Sie führt aus finnischen Wäldern ins waldreiche Schweden an die Grenze zu Norwegen und dann über den weiten Nordatlantik. Von dort reicht sie in den amerikanischen Westen, über die Prärien und hinein in die Rocky Mountains. Entdeckt hat diese Spur Terry Jordan, ein fährtenlesender amerikanischer Anthropologe, der verschiedene Bauformen historischer Holzhäuser untersuchte. Seine Schlussfolgerung klingt plausibel: Das Blockhaus der Trapper und Pioniere stammt ursprünglich aus dem Wilden Osten, aus Finnland, von dort her, wo Reiner Frommer Nachfahren jener Bauern und Köhler photographiert hat. Ihre Vorväter, geschätzte 12.000 Personen, waren Ende des 15. Jahrhundert ins Nachbarland ausgewandert. Um 1640, man spricht in Schweden noch heute von »Skogsfinnar«, den »Waldfinnen«, zogen einige weiter und landeten mit einem der ersten schwedischen Auswandererschiffe in Delaware nah beim heutigen Philadelphia.

Terry Jordan hat seine Entdeckung 1985 publiziert. Laut ihm erwies sich die von »Waldfinnen« in Nordamerika eingeführte schlichte Blockhütte als äußerst praktikabel und setzte sich darum auf dem langen Trail nach Westen gegen kompliziertere Holzhaustypen böhmischer und alpenländischer Einwanderer durch. Ein einziger Mann konnte in wenigen Tagen eine Blockhütte errichten. Sie wurde so hoch, wie er die Stämme zu wuchten vermochte. Eine Tür wurde hinein gesägt und vielleicht ein Fenster, der Dachstuhl mit dünneren Stämmen bedeckt – und fertig.

Jordans These wird an dieser Stelle durch den kleinen Wahlkampfschwindel in Finnland gestützt. Auch amerikanische Präsidenten benutzten ihre Herkunft aus einer »Log cabin«, so die englischsprachige Bezeichnung, als Werbebotschaft, darunter Andrew Jackson, James Buchanan und Abraham Lincoln. (Lincolns Geburtshaus besaß nachweislich einen Schornstein.) Die »Waldfinnen« brachten jedoch nicht nur diese praktische Innovation mit nach Amerika, so Jordan in einer weiteren Untersuchung, nun gemeinsam publiziert mit Matti Kaups, einem amerikanischen Anthropologen mit finnischen Wurzeln. Die finnischen Siedler, erläutern Jordan und Kaups, waren Experten im Erschließen unzugänglicher Wälder und bildeten darum die Speerspitze der Kolonisation. Rasch drangen sie, was englische und französische Einwanderer vor ihnen nicht versucht hatten, von der Küste gen Westen vor. In Familienverbänden rodeten sie die Appalachen, einen Bergzug vor der Prärie. Zeitgenossen beschrieben sie als »Wilde« oder »halbe Indianer«, ohne Respekt vor Gesetz oder Glaube und selten am Grund und Boden interessiert, auf dem sie lebten. Sobald andere Siedler ihnen zu nahe rückten, verkauften sie für einige Dollar und zogen weiter, manchmal fünf-, sechsmal in einem Menschenleben.

Als um 1800 der Mississippi erreicht war, viele Generationen später, hatten sich die knapp eintausend finnischen Einwanderer längst mit Indianern und anderen Siedlern vermischt. Spuren ihrer Existenz blieben noch länger erhalten, nicht zuletzt ihre extrem effiziente Methode, bis zu fünfzigfache Ernten in der Asche niedergebrannter Wälder zu erzielen, was sonst nur durch den Einsatz von Kunstdünger möglich ist. Zuletzt wurde diese archaische Landwirtschaft in Oregon im äußersten amerikanischen Westen nachgewiesen.

Anmerkung: Der Begriff »Waldbauern« wurde hier mangels einer Alternative benutzt. Er ist insofern zutreffend, da landwirtschaftliche Betriebe in Ost- und Nordfinnland überwiegend aus Waldflächen bestehen, die auch bewirtschaftet werden.

Literatur:
Terry G. Jordan: American Log Buildings. An Old World Heritage. Chapel Hill und London 1985
Terry G. Jordan und Matti Kaups: The American Backwoods Frontier. An Ethnic and Ecological Interpretation. Baltimore 1988