Auf dem Holzweg

Seit Kriegsende 1944 waren einige Jahre vergangen. Am Polarkreis nicht weit von der russischen Grenze stieg ein junger Mann aus einem klapprigen Autobus. Er schnallte hölzerne, breite Skier unter und stemmte einen Rucksack, aus dem Axt und Säge ragten. Der Bus war bereits verschwunden, als er die gewundene Landstraße verließ und hinauf in den Wald spurte. Eine Viertelstunde später war eine Hügelkuppe erreicht, von der man eine schneebedeckte Ebene überblickte, ein Hochmoor, bestanden mit niedrigen Polarbirken und zerzausten Kiefern. Länger studierte der junge Mann, er war Soldat gewesen, ein Kartenblatt, dann lief er exakt nach Osten. Nach mehreren Kilometern warf er seinen Rucksack ab, sammelte Holz und entzündete ein Lagerfeuer.

Noch am gleichen Tag begann er mit dem Bau einer Blockhütte, winzig und niedrig wie eine »Log cabin« im Wilden Westen. Sie diente als provisorische Unterkunft (und später als Sauna), bis im Sommer das eigentliche Wohnhaus stand, gemeinsam errichtet mit seinen künftigen Nachbarn. Zweistöckig und aus kantig behauenen Blockstämmen sollte es später eine Bretterverschalung und einen bunten Anstrich erhalten. Im Sommer zog seine Frau mit den Kindern nach. Mittlerweile war von der Landstraße kommend eine provisorische Dorfstraße gerodet und vor dem langen Winter grub man in das Hochmoor erste mannstiefe Entwässerungsgräben. Dazwischen wurden Heuwiesen angelegt.

Mit nichts als Axt, Säge und Spaten, aber mit großen Hoffnungen entstanden so nach dem Zweiten Weltkrieg 16.000 neue Bauernhöfe entlang der russischen Grenze und in unbesiedelten Regionen im Landesinneren. Der finnische Staat hatte ein Siedlungsprogramm aufgelegt, großzügig ausgestattet mit Landschenkungen und Krediten. Nutznießer waren Flüchtlinge und ehemalige Soldaten, meist junge Holzfäller, die bis dahin nur einen Rucksack und seinen Inhalt besaßen. Einzige Bedingung: Heiraten musste man und Kinder zeugen, je mehr, desto besser. Denn mit jedem Kind wurde der Kredit getilgt.

So erblickten auf den Siedlerhöfen vier, fünf Kinder das Licht der Welt, nicht selten wurden es zehn und mehr. Der Baby-Boom war staatlicherseits gewollt und anfangs ging das Kalkül auch auf. Einige Milchkühe brachten die Familien über den Sommer und im langen Winter verdienten Väter und Söhne ein Zubrot als Holzfäller, Pferdeführer und Flößer. Dann aber, die Sechziger Jahre waren erreicht, kreischten Motorsägen in den Wäldern. Forsttraktoren mit viel PS verdrängten die Pferdefuhrwerke und statt über Bäche, Flüsse und Seen wurden Baumstämme künftig per LKW zur Papierfabrik transportiert. Längst hatten sich auch die aus Hochmooren und Wäldern gerodeten Böden als unfruchtbar erwiesen. So begann, als die vielen Kinder erwachsen wurden, ein neuerlicher Exodus. Er führte wie einst nach Schweden. In den Siebziger Jahren wurde Göteborg mit seinen Autofabriken zum größten – und letzten – Neudorf der finnischen Siedlungsgeschichte.

Zurück blieben zahllose verlassene Höfe, die man noch heute vom Auto aus sieht, leicht zu erkennen, da niemand das wuchernde Gras mäht oder im Winter den Schnee forträumt. Indirekt sichtbar sind die Folgen in der jüngeren finnischen Geschichte. Finnland verlor fast acht Prozent seiner Bevölkerung, denn den Siedlerkindern schlossen sich zahllose andere junge Leute aus Dörfern und Kleinstädten im Norden und Osten an. Wer mehr als nur die Volksschule besucht hatte, fand womöglich Arbeit im finnischen »Süden«. Helsinki, 1950 eine mittelgroße Stadt, umgeben von Dörfern, liegt heute in einem Ballungsraum mit mehr als einer Million Menschen.

Umso schöner dann, wenn man zurückkehrt nach Karelien oder Lappland. In hellen, klaren Sommernächten weht kein Lufthauch und sobald der Motor abgestellt ist, hört man das eigene Herz pochen, ein Lebenszeichen, das man nirgends sonst wahrnimmt.